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Fallstudie

Archegos: Was der Kollaps über Risikokultur verrät

Eine aufbereitete Analyse, die den kompletten Ablauf – von den ersten Warnsignalen über die strukturellen Schwächen bis zu den regulatorischen Folgen – nachvollziehbar macht.

Kernaussagen

  • - Rund USD 5.5 Milliarden Verlust durch verspätete Liquidationen und unzureichende Margins
  • - Extrem gehebelte Total-Return-Swaps machten wirtschaftliche Beteiligungen unsichtbar
  • - Warnsignale und CPOC-Eskalationen blieben ohne konsequente Massnahmen

Einordnung und Kernaussagen

Im März 2021 erlitt Credit Suisse einen Verlust von rund USD 5.5 Milliarden, ausgelöst durch den Zusammenbruch von Archegos Capital Management. Archegos war ein in den USA ansässiges Family Office, also eine private Vermögensverwaltung für eine einzelne wohlhabende Person. Im Gegensatz zu klassischen Hedgefonds unterliegen Family Offices deutlich geringeren regulatorischen Anforderungen, insbesondere in Bezug auf Transparenz und Offenlegung gegenüber Markt und Aufsichtsbehörden.

Archegos nutzte diese Struktur, um sehr grosse, stark gehebelte und hoch konzentrierte Aktienpositionen aufzubauen. Dabei setzte das Unternehmen nicht auf den direkten Kauf von Aktien, sondern auf komplexe Finanzinstrumente, sogenannte Total Return Swaps (TRS). Diese Konstruktion ermöglichte es, wirtschaftliches Eigentum an Aktien zu kontrollieren, ohne als Aktionär sichtbar zu werden.

Credit Suisse betreute Archegos über ihre Prime-Services-Division, also jenen Geschäftsbereich, der Hedgefonds und Family Offices mit Finanzierung, Derivaten und Abwicklungsdienstleistungen versorgt. Der Archegos-Fall zeigt, dass der enorme Verlust nicht plötzlich entstand, sondern das Ergebnis eines langjährigen schrittweisen Abbaus von Risikodisziplin war. Warnsignale wurden erkannt, jedoch wiederholt relativiert oder aus geschäftlichen Erwägungen heraus nicht konsequent umgesetzt.

Hintergrund: Archegos und Credit Suisse

Die Beziehung zwischen Credit Suisse und Archegos reicht bis in die frühen 2000er-Jahre zurück. Bereits 2003 wurde Archegos – damals noch unter dem Namen Tiger Asia – Kunde bei der Bank. Ab 2005 nutzte Tiger Asia sogenannte Equity Swaps, um Aktienengagements über Credit Suisse aufzubauen.

Nach schweren Vorwürfen wegen Insiderhandels und Marktmanipulation kam es 2012 zu einem Vergleich mit US-Behörden. In der Folge wurde Tiger Asia in Archegos Capital Management umbenannt und als Family Office weitergeführt. Trotz dieser Vorgeschichte blieb die Geschäftsbeziehung bestehen. Interne Prüfungen zur Reputation des Kunden führten nicht zu substanziellen Einschränkungen, während das Exposure der Bank gegenüber Archegos kontinuierlich anwuchs.

Für Aussenstehende wirkt dies rückblickend wie ein schleichender Gewöhnungseffekt: Ein Kunde, der über Jahre hohe Erträge generiert, wird zunehmend als gegeben akzeptiert – selbst wenn seine Historie und sein Risikoprofil Anlass zur Vorsicht bieten.

Wie Archegos Exposure aufbaute: TRS, Bullet Swaps und Margining

Um den Fall zu verstehen, ist es entscheidend, die Funktionsweise der eingesetzten Finanzinstrumente zu kennen. Total Return Swaps sind Verträge, bei denen eine Bank die Kursentwicklung einer Aktie an einen Kunden weitergibt. Der Kunde erhält Gewinne und trägt Verluste, ohne die Aktie selbst zu besitzen. Die Bank hält die Aktie auf ihrer eigenen Bilanz.

Für Archegos hatte dieses Modell mehrere Vorteile. Es ermöglichte den Aufbau sehr grosser Positionen mit vergleichsweise wenig Eigenkapital. Zudem blieb das tatsächliche Ausmass der Beteiligungen für den Markt weitgehend unsichtbar. Besonders risikoreich waren sogenannte Bullet Swaps, bei denen Gewinne und Verluste erst am Ende der Laufzeit verrechnet werden. Dadurch konnten Positionen lange gehalten und immer weiter ausgeweitet werden.

Hinzu kam die Art der Besicherung. Credit Suisse verlangte von Archegos überwiegend eine statische Initial Margin. Das bedeutet, dass die hinterlegte Sicherheitsleistung in absoluten Dollarbeträgen gleich blieb, selbst wenn das Risiko durch steigende Aktienkurse deutlich zunahm. Ein dynamisches Margining, bei dem bei wachsendem Risiko automatisch zusätzliche Sicherheiten verlangt worden wären, wurde zwar diskutiert, aber lange nicht umgesetzt. Für Laien lässt sich das so zusammenfassen: Die Risiken wuchsen schneller als die Sicherheitsnetze.

Vorboten der Krise: Warnsignale, CPOC und verpasste Chancen

Bereits Jahre vor dem Kollaps gab es deutliche Anzeichen dafür, dass sich Risiken aufbauten. Ab 2017 kam es zu wiederholten Überschreitungen interner Risikoschwellen. Statt diese als Anlass für eine grundlegende Neubewertung der Kundenbeziehung zu nutzen, gewährte die Bank wiederholt Ausnahmen und Übergangsfristen.

Ein besonders folgenreicher Schritt erfolgte 2019, als die erforderlichen Sicherheiten auf Wunsch von Archegos deutlich gesenkt wurden. Gleichzeitig nahm die Grösse und Konzentration der Positionen weiter zu. Im Laufe des Jahres 2020 wurden interne Exposure-Limits nahezu regelmässig verletzt. Mitarbeitende im Risikomanagement äusserten wiederholt Bedenken, hatten jedoch Schwierigkeiten, diese gegenüber dem Handelsbereich durchzusetzen.

Nach einem früheren Verlustereignis richtete die Bank ein spezielles Oversight-Gremium ein, das Counterparty Oversight Committee (CPOC). Archegos wurde dort als besonders riskanter Kunde identifiziert. Dennoch blieb es bei Diskussionen ohne klare Konsequenzen. Entscheidende Führungspersonen nahmen nicht immer an den Sitzungen teil, und Verantwortung wurde nicht eindeutig wahrgenommen. Risiken waren sichtbar – aber niemand griff entschlossen ein.

Der Default: Margin Calls, Eskalation und Verlust

Als sich die Kurse der wichtigsten Archegos-Aktien im März 2021 abrupt verschlechterten, eskalierte die Situation schnell. Die hoch gehebelten und stark konzentrierten Positionen lösten massive Margin Calls aus. Archegos war nicht mehr in der Lage, die geforderten Sicherheiten bereitzustellen.

Credit Suisse erklärte schliesslich einen Event of Default, also den formalen Vertragsbruch des Kunden. In der Folge mussten grosse Aktienpositionen unter erheblichem Zeitdruck verkauft werden. Da mehrere Banken gleichzeitig verkauften und der Markt nur begrenzte Liquidität bot, fielen die Preise stark. Während einige Wettbewerber frühzeitig mit Blockverkäufen begannen, zögerte Credit Suisse – mit erheblichen Folgen.

Am Ende stand ein Verlust von rund USD 5.5 Milliarden, einer der grössten Einzelverluste in der Geschichte der Bank.

Das Archegos-Portfolio: Leverage und Konzentration

Kurz vor dem Kollaps kontrollierte Archegos ein aussergewöhnlich grosses Aktienportfolio. Dem eingesetzten Eigenkapital stand ein Vielfaches an Marktengagement gegenüber. Das Portfolio war nahezu vollständig auf steigende Kurse ausgerichtet.

Besonders problematisch war die extreme Konzentration auf wenige Aktien. Bei einzelnen Unternehmen hielt Archegos wirtschaftliche Beteiligungen, die einen erheblichen Teil aller frei handelbaren Aktien ausmachten. Für fachfremde Leser bedeutet das: Sobald diese Positionen verkauft werden mussten, reichten schon kleine Verkaufsvolumina aus, um die Kurse massiv unter Druck zu setzen.

Folgen und Reaktionen: Credit Suisse, Markt, Ratings

Nach Bekanntwerden des Verlustes reagierte Credit Suisse mit tiefgreifenden Massnahmen. Die Bank setzte Aktienrückkäufe aus, verkleinerte ihre Investmentbank und zog sich weitgehend aus dem Prime-Services-Geschäft zurück. Führende Manager traten zurück, und eine externe Untersuchung stellte gravierende Mängel im Risikomanagement fest.

Auch die Marktreaktion fiel heftig aus. Der Aktienkurs brach ein, und die Kosten zur Absicherung gegen einen Kreditausfall stiegen deutlich. Ratingagenturen stuften den Ausblick für Credit Suisse auf negativ, was die Finanzierung der Bank zusätzlich belastete.

Regulatorische und rechtliche Folgen

Aufsichtsbehörden in mehreren Ländern griffen ein. In der Schweiz stellte die FINMA schwerwiegende Mängel in Governance und Risikokultur fest. In Grossbritannien und den USA wurden hohe Geldstrafen verhängt und umfassende Verbesserungen im Risikomanagement angeordnet.

Parallel dazu gingen US-Behörden gegen Archegos selbst vor. Gründer Bill Hwang wurde wegen Marktmanipulation und Betrugs verurteilt und zu einer langjährigen Haftstrafe sowie zu erheblichen Rückzahlungen verpflichtet.

Fazit des Falls

Der Archegos-Fall zeigt eindrücklich, dass selbst grosse und etablierte Banken scheitern können, wenn Risikokontrollen systematisch ausgehöhlt werden. Nicht ein einzelner Fehler führte zum Desaster, sondern eine Kette aus Zugeständnissen, fehlender Eskalation und schwacher Führung.

Risiken wurden gesehen, aber nicht konsequent adressiert – bis ein vergleichsweise kleiner Marktschock ausreichte, um einen Milliardenverlust auszulösen.

Chronik

Wie sich die Ereignisse aufschaukelten

2003 – 2024
  1. 2003–2005

    Beginn der Geschäftsbeziehung

    Archegos, damals Tiger Asia, wird Prime-Services-Kunde von Credit Suisse und nutzt Equity Swaps, um Aktienengagements ohne direkten Besitz aufzubauen.

  2. 2012

    Rebranding nach Rechtsfällen

    Nach Insiderhandels- und Manipulationsvorwürfen einigt sich Tiger Asia mit US-Behörden, benennt sich in Archegos Capital Management um und führt die Beziehung zur Bank fort.

  3. 2015–2018

    Reputationsprüfungen ohne Wirkung

    Interne Reputations- und Risikoanalysen bringen keine Einschränkungen. Archegos bleibt wichtiger, profitabler Kunde trotz bekannter Historie.

  4. 2017

    Erste strukturelle Warnsignale

    Interne Risikoschwellen werden regelmässig verletzt, doch Credit Suisse gewährt Ausnahmen und lässt die wachsenden Positionen bestehen.

  5. 2019

    Senkung der Sicherheiten

    Auf Wunsch von Archegos reduziert die Bank die Initial Margins, wodurch das Leverage der Swap-Geschäfte weiter steigt.

  6. 2020

    Eskalierende Risiken und CPOC

    Exposure-Limits werden laufend verletzt; das neu eingerichtete Counterparty Oversight Committee soll kritische Gegenparteien überwachen.

  7. September 2020

    Als kritisch eingestuft

    Das CPOC benennt Archegos als hochriskant wegen Verschuldung und Konzentration – dennoch folgen keine konsequenten Massnahmen.

  8. Ende 2020

    Strukturänderungen ohne Entlastung

    Das Swap-Portfolio wandert zu einer Einheit mit höheren Limits. Risiken bleiben bestehen, Limitüberschreitungen gehen weiter.

  9. März 2021 (Anfang)

    Letzte Warnsignale

    Im CPOC werden zusätzliche Sicherheiten und dynamische Margins diskutiert, während Credit Suisse Sicherheiten zurückgibt und neue Geschäfte zulässt.

  10. 22.–24. März 2021

    Markteinbruch und Margin Calls

    Fallende Kurse zentraler Positionen führen zu massiven Nachschussforderungen, die Archegos nicht mehr bedienen kann.

  11. 26. März 2021

    Default

    Credit Suisse erklärt den Event of Default; Banken beginnen, die zugrunde liegenden Aktienbestände zu liquidieren.

  12. Ende März 2021

    Milliardenverlust

    Gleichzeitige Verkäufe drücken die Kurse; Credit Suisse reagiert spät und verbucht rund USD 5.5 Milliarden Verlust.

  13. April 2021

    Konsequenzen bei Credit Suisse

    Aktienrückkäufe werden gestoppt, die Investmentbank verkleinert, Prime Services zurückgefahren und externe Untersuchungen gestartet.

  14. 2021–2023

    Aufsichtliche Massnahmen

    FINMA, britische und US-Behörden stellen schwere Governance- und Risikomängel fest, verhängen Auflagen und Strafen.

  15. 2024

    Verurteilung von Bill Hwang

    US-Gerichte sprechen den Archegos-Gründer wegen Marktmanipulation und Betrugs schuldig; es folgen Haftstrafe und hohe Rückzahlungen.

Referenz

The Fall of Credit Suisse

How Governance and Risk Management Failures led to the Collapse: A Case Study of Archegos and Greensill

Bachelor Thesis

Autor: Alex Büschlen

Studiengang: International Business Administration

Semester: 6. Semester

Betreuer: Prof. Dr. Raúl Diego Gimeno

Datum: 21.05.2025

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