Einordnung und Kernaussagen
Der Greensill-Fall war neben Archegos einer der beiden zentralen Skandale, die das Vertrauen in die Credit Suisse nachhaltig erschütterten. Während Archegos vor allem ein klassischer Handels- und Risikomanagement-Fall war, offenbarte Greensill tiefgreifende Probleme im Asset Management, in der Produktkontrolle und im Umgang mit Interessenkonflikten.
Greensill Capital war ein auf Supply Chain Finance spezialisiertes Finanzunternehmen, das Rechnungen von Lieferanten vorfinanzierte und diese Forderungen an Investoren weiterverkaufte. Credit Suisse verpackte diese Forderungen in Investmentfonds und verkaufte sie als konservative, kurzfristige Anlageprodukte.
Als Greensill Anfang 2021 zusammenbrach, mussten Fonds im Umfang von rund USD 10 Milliarden eingefroren werden.
Hintergrund: Greensill Capital und Credit Suisse
Greensill Capital wurde 2011 gegründet und präsentierte sich als innovativer Finanzdienstleister an der Schnittstelle zwischen Unternehmen, Lieferanten und Kapitalmarkt. Das Unternehmen versprach, Lieferketten effizienter zu finanzieren und gleichzeitig Investoren stabile Erträge bei geringem Risiko zu bieten.
Die Beziehung zu Credit Suisse entwickelte sich ab Mitte der 2010er-Jahre. Innerhalb der Bank übernahm insbesondere das Asset Management eine zentrale Rolle. Credit Suisse wurde nicht nur Vertriebspartner, sondern auch ein entscheidender Wachstumstreiber für Greensill, indem sie den Zugang zu institutionellen Investoren ermöglichte.
Mit der Zeit entstand eine enge wirtschaftliche Verflechtung: Credit Suisse verwaltete Fonds, die fast ausschliesslich auf von Greensill strukturierte Forderungen setzten, vergab Kredite an Greensill selbst und unterstützte das Unternehmen bei strategischen Projekten wie einer geplanten Börsennotierung.
Das Geschäftsmodell von Supply Chain Finance
Supply Chain Finance ist grundsätzlich ein einfaches Konzept. Lieferanten stellen Rechnungen an grosse Unternehmen aus und erhalten ihr Geld früher, indem ein Finanzintermediär die Rechnung vorfinanziert. Investoren erhalten im Gegenzug eine Rendite, die aus der späteren Zahlung des Kunden entsteht.
Für Laien wichtig: In der klassischen Form basiert dieses Modell auf real existierenden, kurzfristigen Rechnungen von bonitätsstarken Unternehmen. Das Risiko gilt daher als begrenzt, solange die Schuldner zuverlässig zahlen.
Greensill ging jedoch einen Schritt weiter. Neben bestehenden Rechnungen finanzierte das Unternehmen zunehmend sogenannte „Future Receivables“ – also Umsätze, die erst in der Zukunft entstehen sollten. Wirtschaftlich ähnelten diese Konstrukte weniger klassischer Handelsfinanzierung und eher unbesicherten Unternehmenskrediten, was das Risiko deutlich erhöhte.
Die Supply-Chain-Finance-Fonds der Credit Suisse
Ab 2017 lancierte Credit Suisse mehrere Supply-Chain-Finance-Fonds, die nahezu ausschliesslich in von Greensill arrangierte Forderungen investierten. Diese Fonds wuchsen rasch und verwalteten bis 2020 rund USD 10 Milliarden von etwa 1’200 professionellen Investoren.
Die Fonds wurden als liquide, risikoarme Produkte mit kurzer Laufzeit positioniert. Viele Investoren betrachteten sie als Alternative zu Geldmarktfonds. Tatsächlich hing das Risiko jedoch stark von der Qualität der zugrunde liegenden Forderungen, der Konzentration auf einzelne Schuldner und der fortlaufenden Gültigkeit von Kreditversicherungen ab.
Ein wesentlicher Teil der Forderungen war gegen Zahlungsausfall versichert. Diese Versicherungen vermittelten zusätzliche Sicherheit – allerdings nur solange sie tatsächlich bestanden und erneuert wurden.
Strukturelle Risiken und Warnsignale
Mehrere Risikofaktoren verstärkten sich über die Zeit:
Ein zentrales Problem war die Konzentration auf wenige Schuldner, insbesondere auf die GFG Alliance. Ein erheblicher Teil der Fonds hing damit indirekt vom finanziellen Zustand eines einzelnen Industriekonglomerats ab.
Hinzu kam die starke Abhängigkeit von Kreditversicherern. Ein grosser Teil der wahrgenommenen Sicherheit basierte auf dem Versicherungsschutz. Fiel dieser weg, änderte sich das Risikoprofil der Fonds schlagartig.
Zudem verliess sich Credit Suisse in hohem Masse auf die Kreditprüfung durch Greensill selbst. Eigene, unabhängige Prüfungen waren begrenzt. Gleichzeitig bestanden Interessenkonflikte, da die Bank sowohl Fondsanbieter als auch Kreditgeber und strategischer Partner von Greensill war.
Der Zusammenbruch im Frühjahr 2021
Anfang 2021 kam es zur entscheidenden Zäsur. Der wichtigste Kreditversicherer verlängerte den Versicherungsschutz für neue Forderungen nicht mehr. Gleichzeitig geriet der grösste Schuldner der Fonds, die GFG Alliance, zunehmend unter finanziellen Druck.
Ohne Versicherung und mit wachsenden Zweifeln an der Werthaltigkeit der Forderungen brach das Vertrauen in die Fonds abrupt zusammen. Am 1. März 2021 setzte Credit Suisse den Handel sämtlicher Supply-Chain-Finance-Fonds aus, um weitere Mittelabflüsse zu verhindern.
Nur wenige Tage später meldete Greensill Capital Insolvenz an. Damit wurde offensichtlich, dass ein grosser Teil der Fondsinvestitionen nicht kurzfristig liquidierbar war.
Rolle der Credit Suisse
Credit Suisse spielte im Greensill-Fall mehrere Rollen gleichzeitig. Die Bank war Fondsanbieter, Vermögensverwalter, Vertriebspartner, Kreditgeber und strategischer Berater von Greensill.
Diese Mehrfachrolle führte zu erheblichen Interessenkonflikten. Interne Bedenken gegen die Vergabe eines Kredits an Greensill wurden überstimmt. Gleichzeitig blieb die Überwachung der Fondsrisiken fragmentiert, da Zuständigkeiten zwischen Geschäftsbereichen aufgeteilt waren.
Der Fall zeigte, dass formelle Prozesse vorhanden waren, deren Unabhängigkeit und Durchsetzungskraft jedoch unzureichend waren.
Folgen für Investoren, Markt und Management
Rund USD 10 Milliarden an Fondsvermögen wurden eingefroren. Die Rückzahlung an Investoren zog sich über Jahre hin und war mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Bis 2024 konnten zwar grosse Teile zurückgeführt werden, vollständige Klarheit bestand jedoch lange Zeit nicht.
Der Imageschaden für Credit Suisse war erheblich. Das Vertrauen in das Asset Management und in die Produktkontrolle der Bank wurde nachhaltig beschädigt. Mehrere Führungskräfte wurden freigestellt oder entlassen, und das Management leitete eine strategische Neuausrichtung ein.
Regulatorische und rechtliche Konsequenzen
Aufsichtsbehörden in mehreren Ländern untersuchten den Greensill-Fall. Die Schweizer FINMA stellte schwere Mängel in Organisation, Governance und Risikokontrolle fest und ordnete Korrekturmassnahmen an.
In Deutschland führte der Fall zur Insolvenz der Greensill Bank. In Grossbritannien und den USA wurden weitere Untersuchungen eingeleitet, insbesondere im Zusammenhang mit der GFG Alliance und möglichen Täuschungen von Investoren.
Fazit des Falls
Der Greensill-Fall verdeutlicht, dass vermeintlich sichere Finanzprodukte erhebliche Risiken bergen können, wenn Transparenz, unabhängige Kontrolle und klare Verantwortlichkeiten fehlen. Delegierte Kreditprüfung, starke Konzentration und ungelöste Interessenkonflikte führten dazu, dass Risiken systematisch unterschätzt wurden.
Gemeinsam mit Archegos markierte Greensill einen Wendepunkt für Credit Suisse – und war ein zentraler Auslöser für den nachhaltigen Vertrauensverlust, der schliesslich in der Übernahme durch UBS mündete.